Beziehung durch Vertrauen

Eines Morgens ging ich an einem See spazieren. Die Luft war angenehm kühl und das Gras war noch mit dem Morgentau benetzt. Die Vögel sangen ihre Lieder und das Rauschen der Bäume begleitete sie. Auf den Blättern der Sträuche glitzerten die Wassertropfen wie Kristalle. Das Ufer des Sees wurde immer und immer wieder von unscheinbaren Wellen berührt. Es war fast so, als ob der See versuchte, zu sagen, dass er seine Grenzen mit den Grenzen des Ufers vereinen wolle. Dieses besinnliche Schauspiel wurde plötzlich durch einen Gedanken unterbrochen. Einen Gedanken, der mir immer wieder in den Sinn kam. Ich fragte mich: „Was für einen Sinn hat es, Gott zu vertrauen? Ist Gott überhaupt im Hier und Jetzt? Übersteigt die greifbare Realität dieses Moments nicht die fantasievolle Wirklichkeit eines vermeintlichen Gottes?“ Oft hatte ich mir diese Fragen schon gestellt. Viel zu oft habe ich darauf keine Antwort erhalten. Waren diese Gedanken nur eine Verschwendung meiner Zeit? Oder hatten sie doch einen tieferen Sinn, der sich mir bisher leider nicht erschloss? Ich stand mal wieder hier am Ufer eines Sees und wartete auf Gott. Glaubte ich an Gott? Irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Ich war davon überzeugt, dass es einen Gott geben musste. Aber was hatte dieser Gott mit mir persönlich zu tun? Wollte dieser Gott überhaupt etwas mit mir zu tun haben? Ich betete oft, erlebte aber nur selten eine Gebetserhörung. Manchmal war ich mir sicher, dass Gott meine Gebete erhören würde, aber Er tat es nicht. Ich wollte eine persönliche Beziehung zu Gott, aber ich spürte kein Gegenüber.

„Woran denkst du“, hörte ich eine Stimme, die scheinbar den gleichen Weg gewählt hatte wie ich. Ich hatte nichts dagegen, dass ich so schlagartig aus meinen zweifelnden Gedanken gerissen wurde. Ganz im Gegenteil. Ich war froh, dass ich wieder in der Gegenwart angekommen war und mich mit etwas beschäftigten konnte, das mich von meinen Zweifeln ablenkte.

„Woran ich denke?“, antwortete ich dem Fremden. „Ich habe darüber nachgedacht, ob man Gott vertrauen sollte oder nicht.“

„Interessant,“ entgegnete der Fremde, der mir jetzt schon gar nicht mehr so fremd erschien. „Wirklich interessant, mit was für Fragen du dich auseinandersetzt. Darf ich fragen, wie du heißt?“

„Ich heiße Thomas“, antwortete ich.

„Thomas, hmm, ein interessanter Name.“ Warum auch immer fand dieser Fremde alles interessant, was ich sagte. „Nun, Thomas, ich heiße Abraham. Die Fragen, die du dir stellst, habe ich mir auch schon oft gestellt. Manchmal habe ich eine Antwort darauf erhalten, manchmal aber auch nicht. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ich Gott in meinem Leben immer vertraut hätte. Leider habe ich das aber nicht, was ich oft bereut habe. Manchmal hatte mein fehlendes Vertrauen fatale Konsequenzen und manchmal war es wie die unterste Stufe einer Treppe, die man überwinden muss, um weiter nach oben zu kommen. Meistens beginnt der Glaube mit Zweifeln, die überwunden werden müssen. Das ist so ähnlich wie mit Angst und Mut. Die meisten Menschen haben Angst. Diejenigen, die ihre Angst überwinden, statt sich von ihr gefangen nehmen zu lassen, nennen wir mutig. Die anderen bezeichnen wir als feige oder ängstlich. Sowohl mutige als auch feige Menschen haben mit einem ängstlichen Herzen begonnen. Die mutigen Menschen sind aber trotz ihrer Angst den nächsten Schritt auf der Treppe des Mutes gegangen. So ähnlich ist es mit dem Glauben auch. Glaube ist auch ein Überwinden. Ein Überwinden von Zweifeln. Wir brauchen nur Glauben für den nächsten Schritt und nicht gleich für den ganzen Weg. Für viele Menschen ist der nächste Schritt der Glaube an den Sohn Gottes, der wegen ihrer Sünde sterben musste. Der Sohn Gottes war ein sterblicher Mensch, der den Tod, die Hölle, den Teufel und die Sünde durch Seine Auferstehung besiegt hat. Auch ich musste an diesen verheißenen Retter glauben, um errettet zu werden.“

„Interessant!“ Ich weiß nicht genau, wie er das gemacht hatte, aber auf einmal war ich derjenige, der alles interessant fand, was er sagte. „Mit der Auferstehung hatte ich schon immer so meine Probleme. Es fällt mir schwierig, an etwas zu glauben, was ich nicht sehen kann,“ gab ich zu Bedenken.

„Das verstehe ich. Ich habe auch sehr lange gebraucht, bis ich an die Auferstehung aus den Toten glauben konnte. Der Glaube ist nun mal ein Vertrauen auf Tatsachen, die wir nicht sehen können. Glauben und Sehen schließen einander fast aus. Selbst wenn man etwas sieht, muss man trotzdem daran glauben, dass man sich nicht getäuscht hat. Alles, was man sieht, kann man genauso hinterfragen, wie das, was man nicht sieht. Man muss auf seine eigene Wahrnehmung vertrauen, um Sichtbares als real anzuerkennen. Es war für mich wirklich sehr herausfordernd, zu glauben, dass Gott aus den Toten auferwecken kann. Aber Er kann es. Wenn es einen Gott gibt, warum sollte Er dann keine Wunder bewirken können? Das ist aber gar nicht die größte Herausforderung des Glaubens. An Wunder zu glauben, ist gar nicht so schwer, wenn man an einen allmächtigen Gott glaubt. Die größte Herausforderung des Glaubens ist das Warten auf Seine Verheißungen. Oft tut Gott sehr lange das Gegenteil von dem, was Er verheißen hat, um die Erfüllung Seiner Verheißungen unmöglich zu machen. Gott hält sich nicht an die Grenzen des Möglichen oder des Wahrscheinlichen. Er sprengt diese Grenzen durch Seine Allmacht und Allwissenheit. Gott zu vertrauen, wenn alles dagegen spricht, ist wirklich nicht einfach. Warten scheint eine Verschwendung zu sein, aber das ist es nicht. Warten offenbart, was man sich wirklich wünscht. Warten offenbart die Wahrheit über dich und das, was du wirklich glaubst. Wartezeiten dienen auch oft dazu, dass wir auf das Erwartete vorbereitet werden oder dass wir das Erwartete noch mehr schätzen lernen. Manchmal ist es aber auch einfach so, dass Gott durch unseren wartenden Glauben geehrt und verherrlicht werden möchte, ohne dass es einen weiteren Grund für unser Warten gibt. Wenn wir auch dann auf Gott vertrauen, wenn unser Vertrauen auf eine Geduldsprobe gestellt wird, zeigen wir dadurch für wie vertrauenswürdig wir Gott halten. Wenn wir darauf vertrauen, dass Gott das, was Er verheißen hat, auch wirklich erfüllen kann und erfüllen wird, ändert auch eine lange Wartezeit nichts an unserer Überzeugung. Wartender Glaube hat auch sehr viel mit einer persönlichen Beziehung zu Gott zu tun.“

Seine Ausführungen machten irgendwie Sinn, aber so richtig überzeugt war ich immer noch nicht.
„Hm, das ist echt kompliziert“, antwortete ich. „Ich bin eher ein rational denkender Mensch und diese Art des Glaubens und Vertrauens erscheint mir doch sehr irrational. Mein rationales Denken mit so einem Glauben zu vereinbaren, halte ich für unmöglich.“

„Wie rational oder irrational dein Glaube ist, hängt davon ab, wie gut du Gott kennst und was für eine Vorstellung du von Gottes Größe hast. Wenn du dir die beiden Äste da vorne an dem Baum anschaust, glaubst du dann, dass eher der dünne oder eher der dicke Ast zerbricht, wenn du dich daran klammerst?“

„Naja, der dünnere Ast ist wohl kaum fähig, mich zu tragen. Der dickere Ast wird das wohl noch schaffen,“ gab ich etwas empört zur Antwort.

„Du hast es bei keinem der beiden Äste ausprobiert, ob sie dich tragen würden oder nicht. Trotzdem traust du es dem dickeren Ast eher zu, dich zu tragen als dem dünnen Ast. Findest du das irrational oder rational? Deine Vorstellung davon, wie dick ein Ast sein muss, um dich tragen zu können, bestimmt darüber, ob du einen Ast für vertrauenswürdig hältst oder nicht. Das ist doch mehr rational als irrational. Wenn du davon überzeugt bist, dass Gott unendlich groß und stark ist, sollte es dir doch einfach sein, zu glauben, dass Gott vertrauenswürdig ist. Wenn du bereit bist, dich an diesen dicken Ast zu klammern, warum dann nicht an Gott? Vielleicht denkst du jetzt, dass dieses Argument einen logischen Bruch enthält, weil du den Ast ja sehen kannst, Gott aber nicht. Das ist aber nicht entscheidend, weil unsere Wahrnehmung nichts an realen Tatsachen ändert. Wenn du diese beiden Äste nicht gesehen hättest oder nicht sehen könntest, könnten sie dich trotzdem entweder tragen oder nicht tragen. Deine Wahrnehmung ändert nichts an der Zuverlässigkeit und Belastbarkeit des dicken oder auch des dünnen Astes. Erst durch Glauben versteht man, dass diese Welt nicht aus Sichtbarem oder Wahrnehmbarem entstanden ist. Diese Welt ist ein Wunder Gottes. Gott existiert unabhängig von unserer Wahrnehmung oder unserem Glauben. Eine persönliche Beziehung zu Gott kann aber nicht unabhängig von unserem Glauben existieren. Vertrauen ist schließlich eine Voraussetzung für eine persönliche Beziehung. Wenn man jemandem nicht vertraut, wird man sich ja auch nicht auf eine persönliche Beziehung zu dieser Person einlassen. Beim Glauben geht es nicht so sehr um die Anerkennung von Tatsachen oder Wahrheiten als Selbstzweck. Es geht darum, dass wir durch Glauben an Jesus Christus eine persönliche Beziehung zu Gott erhalten. Man kann an viele richtige Wahrheiten glauben und trotzdem keine Beziehung zu Gott haben. Letztlich ist es entscheidend, ob Jesus Christus durch die Wiedergeburt in unseren Herzen wohnt oder nicht. Echter Glaube und echtes Vertrauen hängen immer mit einer Beziehung zusammen. Vertrauen ist der Beginn und das Fundament einer Beziehung. Um Vertrauen und Glauben zu stärken, muss man an dieser Beziehung arbeiten. Beziehungen werden durch Kommunikation vertieft. Wir können zu Gott beten und Sein Wort lesen. Beim Gebet geht es nicht zuallererst darum, dass Gott uns unsere Wünsche erfüllt. Es geht darum, dass wir mit Gott über alles reden, weil Er die wichtigste Person in unserem Leben ist. Solche tiefen Beziehungen brauchen aber Zeit. Deshalb kann es sich manchmal so anfühlen, als ob Gott nicht da ist. Unsere Beziehung zu Gott darf nicht auf einem Gefühl basieren, sondern auf Vertrauen. Auch wenn es sich vielleicht nicht immer so anfühlt, als ob Gott da ist und sich für dich interessiert, darfst du trotzdem darauf vertrauen, dass es niemanden gibt, der dich mehr liebt als Gott.“

Wir gingen noch einige Minuten schweigend nebeneinander her, bis sich unsere Wege trennten und wir uns verabschiedeten. Ich konnte nicht aufhören, über das nachzudenken, was Abraham gesagt hatte. Ich begriff mehr und mehr, dass es beim Glauben nicht zu allererst um irgendwelche Überzeugungen geht, sondern viel mehr um die Beziehung zu einer Person; einer Person, die in der Bibel als Jesus Christus beschrieben wird.