Die Stimme eines sanften Säuselns

Ich stand wie versteinert da und blickte zum Himmel. Nichts. Wo blieb Er nur? Er musste doch wissen, dass ich Ihn brauchte. War Er nicht ein starker Wind, der die vor mir emporragenden Berge meiner Probleme zerreißen und die Felsen meiner Nöte zerbrechen konnte? War Er nicht ein Erdbeben, das die Mauern, die mich gefangen hielten, einstürzen lassen konnte? Er musste doch wenigstens ein verzehrendes Feuer in dieser aussichtslosen Lage sein. Warum griff Er bei all den Problemen, die sich wie blutrünstige Raubtiere um mich scharten, nicht ein? Er hatte sich doch schon oft genug durch die Naturgewalten offenbart und Seine Macht gezeigt. Jetzt aber, als ich Sein mächtiges Eingreifen brauchte, hörte ich kein Stürmen oder Beben, sondern nur eine endlose Stille. Wo blieben Seine mächtigen Wunder? Wo war Sein Arm, der nicht zu kurz war, um zu helfen? Konnte Sein Schelten nicht das Meer austrocknen und Ströme zur Wüste machen? Konnte Er nicht jeden tosenden Sturm zum Schweigen bringen und jede über mich hereinbrechende Welle beruhigen? Ich war mir sicher, dass Er es konnte. Er tat es aber nicht. Er kam nicht in einem starken Wind oder einem gewaltigen Erdbeben und erst recht nicht in einem verzehrenden Feuer. Er kam in der Stimme eines sanften Säuselns.

Wie einst bei Elia fragte Er mich: „Was willst du hier? Was suchst du hier an diesem Ort der Zweifel und der Niedergeschlagenheit?“

Ich konnte Ihn nicht sehen, aber ich konnte Seine sanfte Stimme hören. Ich hatte erwartet, dass Er sich mir sichtbar und spürbar offenbart, aber Er offenbarte sich mir hörbar. Was ich wollte war, dass Er meine Probleme beseitigte, aber Er nahm mich zur Seite, um mit mir zu reden. Ich hatte gehofft, dass Er sich mir auf eine materiell sichtbare und greifbare Art und Weise zeigte, Er aber begegnete mir auf einer Ebene der Beziehung. Er offenbarte sich nicht durch etwas Aufsehenerregendes wie einen Sturm, ein Erdbeben oder ein Feuer, sondern durch eine sanfte Stimme, die zu mir redete. Fast hätte ich dieses sanfte Säuseln überhört. Vielleicht war die lange Stille notwendig gewesen, damit ich lernte zuzuhören. Ich weiß nicht, wie oft diese sanfte Stimme schon versucht hatte, zu mir durchzudringen, es aber nicht konnte, weil ich sie ignoriert hatte. Seine Stimme war nicht aufdringlich, sondern angenehm beruhigend. War es nicht der sanfte und stille Geist, der vor Ihm sehr kostbar war? Was ich wollte, war ein äußerlicher Erweis Seiner Macht. Was Er wollte, war das Verborgene meines Herzens zu verändern. Ich dachte, dass Ich allein und verlassen sei und Er zeigte mir, dass ich niemals allein sein würde, weil Er für mich allein und von allen verlassen gewesen war. Ich dachte, dass alle meine Anstrengungen keinen Sinn mehr ergaben und Er gab mir einen neuen Auftrag. Er hatte immer noch einen Plan für mich. Ich hatte mir eine klare und deutliche Wegweisung erhofft und Er zeigte mir, dass Er der Weg ist und dass mich meine Ungewissheit zu Seiner Weisheit führte. Ich musste wieder neu lernen, im Glauben und nicht im Schauen zu leben. Viel zu oft schon hatte ich mich von meiner Angst und meinen Sorgen leiten lassen, anstatt mir von Seiner sanften Stimme Frieden und Sicherheit zusprechen zu lassen. Das sollte sich jetzt ändern.

1. Kön. 19,11-13: Er aber sprach: Komm heraus und tritt auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber; und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht in dem Wind. Und nach dem Wind kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht in dem Erdbeben. Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer kam die Stimme eines sanften Säuselns. Und es geschah, als Elia dieses hörte, da verhüllte er sein Angesicht mit seinem Mantel, und er ging hinaus und trat an den Eingang der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm, die sprach: Was willst du hier, Elia?