Das Leiden Hiobs

Leid ist eine der schwierigsten Tatsachen im Leben eines Menschen, die es zu akzeptieren gilt. Es gibt wenig auf dieser Welt, das man so gut nachweisen und doch so wenig erklären kann wie Leid. Leid ist ein Mysterium, das man nicht ergründen kann. Die Bibel versucht gar nicht, Leid zu erklären. Sie beschreibt es nur. Es gibt einleuchtende Ursachen für Leid, die nachvollziehbar sind, die man aber nicht auf jede Art von Leid anwenden kann. Natürlich ist letztlich der Sündenfall die Ursache für alles Leid. Sünde oder der Sündenfall lassen sich aber nur in sehr wenigen Fällen als Erklärung für persönliches und individuelles Leid anwenden. Meistens hat Leid keinen Kontext und keine eindeutig greifbare Ursache. Es ist einfach da, ohne eingeladen worden zu sein. Es existiert, obwohl niemand seine Existenz befürwortet. Jeder Mensch hat unterschiedliche Erfahrungen und damit auch eine unterschiedliche Perspektive auf Leid. Das Buch Hiob gibt uns einen Einblick in die verschiedensten Perspektiven des Leids. Jeder Akteur im Buch Hiob hat eine unterschiedliche Sicht auf Leid. Der Teufel betrachtet Leid als ein Mittel zum Zweck. Für den Teufel ist Leid ein Mittel, um aus einem gerechten und gottesfürchtigen Menschen einen Verflucher Gottes zu machen. Er war sich sicher, dass Hiob sich von Gott abwenden würde, wenn er leiden müsste. Gott hatte den Teufel zu Beginn des Buchs herausgefordert und ihn gefragt, ob ihm auf seinen Streifzügen der gerechte und gottesfürchtige Hiob aufgefallen sei. Der Teufel erwiderte nur zynisch, dass Hiob nur deswegen gerecht sei, weil Gott ihn reich beschenkt hatte. Sobald man Hiob alles wegnehmen würde, was er von Gott bekommen hatte, würde er sich von Gott abwenden und Gott verfluchen. Gott war vom Gegenteil überzeugt. Und damit begann der Showdown, der zeigen sollte, wer von beiden recht behält. Gott hatte – überspitzt formuliert – eine fast schon perfide Wette mit dem Teufel am Laufen. Eine Wette, die zeigen sollte, ob der ahnungslose Hiob Gott auch dann treu bleibt, wenn er alles verliert, was er hatte. Gott ließ dem Teufel nahezu freie Hand. Die einzige Einschränkung für den Teufel war Hiob selbst. Er durfte Hiob alles nehmen, was er hatte, nur Hiob durfte er nichts antun. Diese Freiheit verstand der Teufel auf das Beste zu nutzen. Er nahm Hiob seinen Besitz und seine Kinder. Hiob war innerhalb kürzester Zeit von einem der reichsten Menschen auf der Erde zu einem der ärmsten geworden. Seine bis dahin glückliche Familie wurde auf grausame Art und Weise unter einem Haufen von Schutt und Asche begraben. Die Reaktion Hiobs: „Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; der Name des HERRN sei gelobt!“ Was für eine Niederlage für den Teufel. Er hatte Hiobs Leben und Familie zerstört und Hiob lobte Gott mitten in seinem Leid, weil er dankbar für das war, was er besessen hatte. Einige Zeit darauf stellte Gott dem Teufel die gleiche Frage. Der Teufel hatte die Wette kläglich verloren. Hiob war Gott treu geblieben, obwohl Gott ihn ohne jeglichen Grund ins Verderben gestürzt hatte. Mit dieser Niederlage wollte der Teufel sich aber nicht zufrieden geben. Er wollte die Wette um eine weitere Kategorie erweitern. Bisher durfte er nur Hiobs Besitz und Familie zerstören. Jetzt wollte er Hiob selbst vernichten. Auch auf diese Erweiterung der Wette ließ sich Gott ein. Die Einschränkung wurde aufgeweicht. Der Teufel durfte Hiob alles antun, was er wollte, außer Hiob töten. Siegessicher machte sich der Teufel erneut an die Arbeit. Hiob wurde von schrecklichen und erniedrigenden Krankheiten geplagt. Der Teufel hatte Hiob erst seinen Besitz und seine Familie genommen. Jetzt nahm er ihm auch noch seine Gesundheit und seine Würde. Hiob wurde zu einem Ausgestoßenen. Seine ganze Verwandtschaft hatte sich von ihm abgewendet. Er musste seine eigenen Knechte um ein Glas Wasser anbetteln. Die Menschen fingen an, sich vor Hiob zu ekeln und Hiob zu meiden. Niemand wollte mehr etwas mit ihm zu tun haben. Seine eigene Frau verzweifelte an dem Leid, das sie und ihr Mann durchmachen mussten. Verständlicherweise konnte sie das schreckliche Leiden Hiobs nicht mehr mitansehen. Nur vier Freunde Hiobs ließen ihn nicht im Stich. Vier Freunde kamen und setzten sich neben ihn. Sie ertrugen das Leid und den Gestank Hiobs. Leider ertrugen sie die aus einem tiefen Schmerz ausgesprochenen Worte Hiobs nicht. Auf das Klagen Hiobs antworteten sie mit Anschuldigungen. Sie warfen ihm vor, dass seine Sünde schuld an seinem Unglück sei. Hiob versicherte ihnen, dass er nichts getan hatte, was eine derartige Bestrafung durch Gott rechtfertigen würde. Er war sich sicher, dass er jederzeit auf der Anklagebank vor Gott seinen Mann stehen konnte. Hiob hielt sich selbst für gerechter als Gott. Er forderte von Gott eine Erklärung für das ganze Unglück. Letztlich klagte er Gott an. Dann kam der vierte Freund Hiobs und meinte: „Hiob, was glaubst du eigentlich wer du bist, dass du so über Gott redest? Muss sich Gott vor dir rechtfertigen?“ Irgendwann meldete sich Gott dann zu Wort und sagte zu Hiob: „Hiob, was glaubst du eigentlich wer du bist, dass du so über mich redest? Pass auf, was du sagst. Muss Ich mich vor dir rechtfertigen? Ich kann machen, was Ich will. Ich bin Gott!“ Ende der Erklärung. Hiob hatte alles verloren, was er hatte. Alle seine Kinder waren tot und was für eine Erklärung bekam er für diese schreckliche und herzzerreißende Tragödie? „Ich bin Gott! Ich rechtfertige mich vor niemandem!“ Wenn man die Rede Gottes im Buch Hiob so liest, fragt man sich, ob Gott das Einmaleins der Seelsorge vergessen hat. Erstaunlicherweise gab sich Hiob mit dieser Erklärung zufrieden. Er gab sich nicht nur mit dieser Erklärung zufrieden, sondern er entschuldigte sich sogar bei Gott dafür, dass er Ihn angeklagt hatte. Hiob steckte immer noch mitten in seinem Leid. Es ging ihm genauso schlecht wie vor der Zurechtweisung durch Gott. Trotzdem hat das, was Gott zu ihm gesagt hat, sein Leid und seine Trauer nicht vergrößert, sondern seine Beziehung zu Gott vertieft. Der Teufel hatte unrecht. Hiob hat Gott nicht verflucht und sich auch nicht von Gott abgewendet. Aber Hiob hat Gott angeklagt. Hiob war kein Verflucher Gottes geworden, aber er war ein Ankläger Gottes geworden. Hiob hatte Gott nicht erschossen, aber er hatte Gott angeschossen. Das tat ihm nach der Zurechtweisung durch Gott leid und er entschuldigte sich. Warum hat Hiob sich für seine anklagenden Worte bei Gott entschuldigt? Hatte Hiob Angst vor Gott? Wurde er durch das Auftreten Gottes eingeschüchtert? Nein. Hiob hatte erkannt, dass er kein recht hatte, Gott Vorwürfe zu machen. Er hatte kein recht, Gott anzuklagen. Hiob hatte verstanden, dass er nicht alles verstehen konnte. Er hatte eingesehen, dass er nicht alles sehen konnte und er wusste nun, dass er nicht alles wissen konnte. Nur Gott kann alles wissen, alles sehen und alles verstehen. Nur Gott ist vollkommen gerecht. Gott durfte Hiob zurechtweisen, weil Er Gott ist. Wieso aber hatte die Zurechtweisung durch Gott Hiobs Beziehung zu Gott vertieft? Wieso sagte Hiob, dass er Gott zuvor nur vom Hörensagen gekannt hatte, dass er Gott jetzt aber wirklich gesehen habe? Was hat ihn dazu bewegt, zu sagen, dass er Gott nach all dem Leid und nach dem Reden Gottes jetzt wirklich kennt? Hiob hatte die Allmacht, die Allwissenheit und die unendliche Größe Gottes erkannt. Die Größe und die Allmacht Gottes sollten in uns keine Angst bewirken, sondern Vertrauen. Wir können Gott im Leid vertrauen, weil Er allmächtig, allwissend und unendlich groß ist. Die einzige Lösung im Leid ist Vertrauen zu Gott. Viele Menschen versuchen, sich im Leid an die Güte Gottes zu klammern, bis sie an den Punkt gelangen, an dem sie daran zweifeln, dass Gott gut ist. Sie fangen an, sich zu fragen, warum Gott das Böse zulässt, wenn er doch gut ist. Ein allmächtiger und guter Gott, könnte das Böse doch verhindern. Wie Hiob fangen viele Menschen in großem Leid an, an der Güte und Größe Gottes zu zweifeln. Sie haben das Gefühl, dass ihr Leid größer ist als Gott. Ihr Leid scheint böser und schrecklicher zu sein, als Gott gut ist, weshalb sie sich von Ihm abwenden. Echten Trost in großem Leid findet man nicht zuallererst in der Güte Gottes, sondern in der Größe Gottes. Was würde uns ein guter Gott bringen, wenn Er nicht größer wäre als das Böse? Wir müssen Gott im Leid vertrauen, auch wenn wir nichts Gutes im Leid sehen können. Gott ist gut und Er ist unendlich viel größer als alles Leid. Seine Liebe ist größer, höher, weiter und tiefer als jeder noch so hohe Berg und jeder noch so tiefe Abgrund des Leids.