
„Hilfe! Nein! Neeein!“, schrie die Zwiebel, als sie aus dem Zwiebelkorb genommen wurde. Krampfhaft hatte sie noch versucht, sich an den anderen Zwiebeln festzuhalten. Aber sie war zu schwach. Zu schwach, um sich gegen den Eindringling zu wehren. Sie und einige andere ihrer Artgenossen wurden aus ihrem friedlichen Dasein gerissen. Bevor sie einordnen konnte, was überhaupt mit ihr passiert war, steckte sie schon kopfüber in einem kalten und nassen Erdboden.
„So eine gemeine Frechheit“, dachte sie laut. „Wer kommt bitte auf die irrsinnige Idee, eine Zwiebel wie mich in die Erde zu stecken? Zwiebeln gehören in einen Zwiebelkorb und nicht in nassen und dreckigen Schmutz. Was für eine Verschwendung! Was für eine Zweckentfremdung! Wenn ich denjenigen erwische, der mir das angetan hat, kann er was erleben.“
Leider erwischte die Zwiebel ihren Dieb nicht. Sie konnte mitten in der sie von Finsternis umgebenen Erde ja noch nicht einmal sich selbst sehen. Wie sollte sie da den Verursacher ihres Unglücks finden? Immer und immer wieder sagte sie sich mit ihrem Schicksal nur wenig abfindend vor sich hin: „So ein Dreck! Dieser elende Barbar, der es gewagt hat, mich hier in diesem Dreck zu vergraben.“
„Was ist denn los mit dir? Wieso bist du so wütend?“, fragte sie ein großer Baum.
„Was mit mir los ist? Wieso ich so wütend bin? Wer bist du jetzt eigentlich und wo kommst du denn plötzlich her?“, antwortete die Zwiebel sichtlich genervt.
„Ich bin ein Baum und ich bin schon lange hier.“
„Schön für dich! Baum, der du schon lange hier bist. Hast du auch einen Namen oder gibt es das in dieser Wildnis gar nicht?“
„Doch, doch. Ich heiße Apfelbaum.“
„Apfelbaum? Was ist denn das für ein komischer Name? Ich kannte mal einen Apfel. Aus dem wurde dann aber ein Apfelkuchen gemacht. Von einem Apfelbaum habe ich allerdings noch nie etwas gehört.“
„Naja, kann natürlich sein, dass das einer meiner Äpfel war.“
„Einer deiner Äpfel? Oh, tut mir leid eure Majestät. Mir war nicht bewusst, dass Ihr der Besitzer und Herrscher aller Äpfel seid. Verzeiht meine Unwissenheit“, erwiderte die Zwiebel zynisch.
„Die Äpfel gehören mir nicht. Sie wachsen nur an meinen Ästen.“
„Ach ja? Warum sehe ich dann keine Äpfel an deinen Ästen? Die Blumen an deinen Ästen sind zwar ganz nett, aber trotzdem keine Äpfel.“
„Das sind keine Blumen. Das sind Blüten. Blüten wachsen, bevor Äpfel wachsen.“
„Natürlich. Der Apfel fällt in den meisten Fällen nicht weit vom Stamm. Außer bei dir, da fehlt der Apfel und fallen die Blüten.“
„Damit ein Apfel irgendwohin fallen kann, muss er doch erstmal irgendwo hängen. Und da kommen meine Äste ins Spiel. Jedes Jahr wachsen zu einer bestimmten Zeit Äpfel an meinen Ästen. Das ist meine Bestimmung. Deshalb bin ich ein Apfelbaum. Genau wie du dort wachsen muss, wo du gepflanzt wurdest, wachsen Äpfel an einem Apfelbaum.“
„Wow! Sehr tiefsinnig. Wie wenn ich eine Wahl gehabt hätte und mir meinen Platz zum Wachsen ausgesucht habe. Danke für deine Hilfe!“
„Irgendwie habe ich den Eindruck, dass du das nicht ganz ernst meinst.“
„Wirklich? Du zweifelst an dem Inhalt meiner sarkastischen Bemerkungen? Du musst echt schon lange hier herumstehen.“
„Ziemlich lange, ja. Wie lange genau, weiß ich gar nicht. Bei uns Bäumen ist das so eine Sache. Am besten sieht man unser Alter an unseren Jahresringen. Um die zu sehen, müsste man uns aber fällen und das ist eher ungünstig für uns. Daher verzichten wir gerne freiwillig auf eine genaue Altersbestimmung. Aber genug von mir. Wie heißt du eigentlich?“
„Ich? Ich bin eine Zwiebel.“
„Eine Zwiebel? Sicher?“
„Natürlich sicher! Was soll das denn bitte heißen?“
„Naja, du siehst gar nicht aus wie eine Zwiebel. Mehr wie eine Lilie.“
„Eine Lilie?“
„Ja, eine Lilie. Du bist eine Blume. Du hast auch Blüten, genau wie ich.“
Die Zwiebel hatte gar nicht bemerkt, dass sie in den letzten Monaten zu einer Lilie geworden war. Sie hatte überhaupt nicht gewusst, dass sie eine Blumenzwiebel war. Bisher dachte sie, dass es ihre Bestimmung sei, eine Zwiebel in einem Korb zu sein. Ihr unerwarteter Schicksalsschlag, der in diesem Erdboden endete, hatte aber ihre gesamte Lebensplanung durcheinander gebracht. Und nun stand sie hier, redete mit einem Baum und hatte plötzlich Blüten.
„Wieso bin ich eine Lilie?“
„Weil du dazu erschaffen wurdest, eine Lilie zu sein. Du wurdest in diesem Garten gepflanzt, um zu blühen. Deine Bestimmung ist es, den Platz und die Umstände, die der Schöpfer für dich bestimmt hat, anzunehmen. Du darfst dich nicht weigern, zu wachsen und zu blühen.“
„Meine Bestimmung?“
„Ja, deine Bestimmung. Die Schönheit und der Duft von Lilien sollen den Schöpfer verherrlichen. Lilien sollen nicht stolz sein auf ihre Schönheit. Viele bemerken ihre Schönheit und ihren anziehenden Duft gar nicht. Ihre Schönheit verherrlicht Gott und nicht sie selbst. Lilien geben Gott die Ehre. Es ist deine Entscheidung, ob du deinen Schöpfer verherrlichen willst oder nicht. Du kannst auch einfach für eine gewisse Zeit blühen und dann für immer verwelken.“
„Wie soll ich denn in diesem Dreck den Schöpfer verherrlichen? Habe ich denn nicht genug damit zu tun, mir Gedanken darüber zu machen, wie ich hier wieder rauskomme? Wie soll ich denn die nächsten Wochen und Monate hier überleben? Ich werde hier noch verhungern. Hast du schon mal erlebt, wie nass und kalt es ist, wenn es regnet und stürmt?“
„Darüber musst du dir keine Sorgen machen. Der Schöpfer sorgt für dich. Der Boden, den du so wortgewandt als Dreck bezeichnest, ernährt dich mit allem, was du brauchst. Manchmal sind es genau die Umstände, die wir am wenigsten leiden können, von denen wir am meisten profitieren. Du siehst vielleicht nicht, was dieser dreckige Boden dir alles schenkt, aber durch diesen Boden kannst du wachsen und noch schöner werden. Und der Regen versorgt dich mit Wasser. Meistens ist Wasser mehr nass als kalt, außer wenn es schneit. Dann ist es mehr kalt als nass. Wie auch immer. Wir brauchen Wasser zum Überleben. Und der Schöpfer gibt uns das, was wir brauchen. Das, was wir brauchen, ist aber oft nicht das, was wir wollen, weshalb es gut ist, dass der Schöpfer den Unterschied kennt. Auch darüber brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Wir können die Entscheidung Ihm überlassen.“
„Hört sich ja ziemlich einfach an. Bist du sicher, dass du dir das nicht viel zu einfach machst?“
„Einfach ist es nur, wenn du dem Schöpfer vertraust. Und wenn du den Schöpfer kennst, dann macht Er es dir einfach, Ihm zu vertrauen. Du musst es dir nicht selbst einfach machen. Auch dafür hat der Schöpfer gesorgt.“