
Ding dong.
Naja, eigentlich hörte sich meine Türklingel mehr nach einem schrillen Pfeifen als nach einem nachklingenden Gong an. Trotzdem öffnete ich die Tür, um nachzusehen, wer so anmaßend sein könnte, unangekündigt meine Türschwelle übertreten zu wollen. Was ich sah, war aber weniger einlassbegehrend als viel mehr zugangsversperrend. Wo auch immer dieses große Etwas hergekommen war, jetzt stand es da und es machte keinen Anschein, sich zu bewegen. “Hm“, dachte ich und arg viel weiter konnte ich dann auch gar nicht denken. Ich war viel zu überwältigt von dem, was ich sah, als dass ich mich mit Denken hätte nützlich machen können. Nach dieser kurzen dafür aber umso stilleren Denkpause begann ich, meinen neuen Türversperrer eingehender zu betrachten. Auf dem riesigen Paket vor meiner Tür stand in großen Buchstaben „Gottes Segen“.
„Eigenartig!“, dachte ich diesmal mein ‚Hm‘ deutlich übertreffend. „Was will Gottes Segen hier vor meiner Tür? Als ob ich nicht schon genug Werbung bekomme, die ich gar nicht brauche. Und dann noch die ganzen Amazonen, die meinen, sie könnten ihre Schlachten mit den nicht zu Hause anwesenden Nachbarn mit mir ausfechten.“ Glücklicherweise hatte dieser uralte Mythos inzwischen aber seinen Realitätssinn wieder erlangt. Die Pakete wurden jetzt einfach abgegeben, ohne dass jemand seine Unterschrift als Datenleiche dafür zur Verfügung stellen musste. Auch ein Mythos kann sich scheinbar weiterentwickeln.
„Was soll ich denn mit so einem großen Segen anfangen? Der passt doch nirgends in mein Haus und ein großes, kubisches Paket mitten im Garten sieht mehr nach einem provisorischen Bunker als nach Segen aus. Wo soll ich Gottes Segen denn bitte verstauen? Das Ganze nimmt doch viel zu viel Platz weg.“ Ich merkte, wie meine Synapsen sich zu mir bisher unbekannten Höhen aufschwangen. Da ich den Gedankengang aber nicht wirklich fest genug umklammert hatte, konnte ich ihn nicht bis zum Schluss fertig denken. Scheinbar hatte ich mich selbst überragt. Oder nannte man das übertroffen? Wie auch immer. Ich war weder treffsicher noch überragend, nachdem ich den Gedanken in den Untiefen der Gedankenlosigkeit verloren hatte. Das Paket mit Gottes Segen stand immer noch da. Ich hatte mich übrigens auch nicht wirklich bewegt. Ab und zu hatte ich mal aus- und eingeatmet und vielleicht zwei- oder dreimal gezwinkert, damit war meine bewegliche Agilität dann aber auch schon erschöpft. Man könnte auch sagen, wir standen beide da. Das Paket und ich. Irgendwie naheliegend, da keiner von uns beiden fortgegangen war, trotzdem aber nicht selbstverständlich. Wer hätte das gedacht?
Ich versuchte, das Paket beiseite zu schieben, um meine Tür wenigstens teilweise noch benutzen zu können. Leider scheiterte ich entweder an der Schwere des Pakets oder an meiner eigenen Schwachheit. Erschöpft gab ich auf. Ich schloss die Tür vor dem Paket und benutzte von nun an eins meiner Fenster als Ein- und Ausgang.
Irgendwann sprach mich einer meiner Nachbarn auf meinen überdimensionierten Türsteher an. Das war der Nachbar, dem ich seine Pakete immer wieder über die Hecke geworfen hatte, weil seine Haustür auf der anderen Seite des Hauses und für mich daher unerreichbar, um nicht zu sagen unzumutbar, war. Insbesondere die Pakete auf denen „zerbrechlich“ draufstand, machten beim Aufprall sehr eigenartige Geräusche.
„Hallo Nachbar“, rief er mir zu. Ich antwortete nur mit meinem einstudierten „Hm“. „Was hast du denn für ein großes Paket vor deiner Tür? Du Glückspilz! Meine Pakete kommen irgendwie nie an“, fuhr er fort.
Es war scheinbar nicht seine Hecke gewesen, über die ich die Pakete geworfen hatte, weil er wohl im hinteren Teil des Doppelhauses wohnte. Woher hätte ich denn wissen sollen, dass Menschen sich inzwischen sogar Häuser teilten? Kommunisten schien es offensichtlich, überall auf der Welt zu geben. Etwas genervt gab ich ihm zur Antwort: „Wieso Glückspilz? Ich hab das riesige Paket gar nicht bestellt und will es auch nicht haben. Da scheint Gottes Segen drin zu sein und was soll ich denn bitte damit anfangen?“
„Gottes Segen? Was soll das denn bedeuten?“, fragte er mich, obwohl ich mir Mühe gab, ahnungslos zu wirken. Dass meine Ahnungslosigkeit mir wie ins Gesicht geschrieben stand, schien ihm aber überhaupt nicht aufzufallen. Vielleicht konnte er gar nicht lesen. Irgendwie hatte er mich aber neugierig gemacht. Was könnte Gottes Segen bedeuten? Diese Frage hatte ich mir bisher gar nicht gestellt. Ich merkte, wie in mir ein neuer Entdeckungsdrang erwachte. Mein Streben nach Erkenntnis schien, unaufhaltsam zu sein. Also schaute ich mir den Lieferschein auf dem Paket an, um mehr über den Inhalt zu erfahren. Ich nahm mir vor, irgendwann ein Buch über diese Entdeckungsreise zu schreiben. Im Lieferschein standen lose aneinander gereihte Begriffe, die keinen wirklichen Sinn ergaben. „Geistlicher Segen, Kindschaft Gottes, Erlösung, Sündenvergebung, Gnade, Geheimnis von Gottes Willen, himmlisches Erbe, Heiliger Geist als Anzahlung“, las ich laut vor. Der Absender des Pakets war Jesus Christus. Verwirrt sah ich meinen Nachbarn an. Diesmal erkannte er meine Ahnungslosigkeit. Ich las weiter: „Achtung: Der Inhalt dieses Pakets wird Ihr ganzes Leben ausfüllen!“
„Ah, davon habe ich schonmal gehört“, meinte mein Nachbar, „Diese Pakete tauchen vor vielen Haustüren auf. Man muss sie aber nicht annehmen. Wenn man sie nicht annimmt, dann sind sie irgendwann plötzlich weg. Du musst das nur aussitzen, dann verschwindet das Paket irgendwann von selbst. Manche sagen, dass sei eine Chance, die man nutzen müsse und nur durch Glauben annehmen könne. Das hört sich aber alles sehr vage an.” Die weiteren Zeilen im Lieferschein bestätigten, was mein Nachbar gesagt hatte. Das Paket enthielt ein Geschenk, das man auch ablehnen konnte.
So ignorierte ich das Paket, bis es irgendwann nicht mehr da war. Eines Tages wachte ich nicht in meinem Bett, sondern vor einer großen und massiven Tür auf. Über der Tür stand in goldenen Buchstaben das Wort “Himmelstür”.
Jetzt stand ich vor einer Tür, die verschlossen war. Ich klopfte an der Tür, weil es offenbar keine Klingel gab. Irgendjemand öffnete ein kleines Türfenster und fragte mich, wie er mir behilflich sein könnte. Ich fragte ihn, ob er mir die Tür öffnen könnte. Er meinte aber, dass das nur zu einem sehr hohen Preis möglich sei.
„Ich kann dir mein Haus verkaufen“, bot ich ihm an. Gleichzeitig überlegte ich, ob ich auch noch die Doppelhaushälfte meines Nachbarn in die Verhandlungsmasse mit aufnehmen sollte. „Das reicht leider nicht. Hier wird nur ein ganz bestimmtes Paket angenommen. Ein Paket, für das Jesus Christus den Preis bezahlt hat. Ohne dieses Paket gibt es keinen Einlass“, erwiderte mein Gegenüber. “So ein Paket hatte ich mal vor meiner Haustür stehen, habe es dann aber abgelehnt, bis es irgendwann weg war”, versuchte ich, ihm zu erklären. “Tja, das ist schade. Da hast du wohl die falsche Entscheidung getroffen. Wie gesagt, ohne dieses Paket kann ich dir die Tür zum Himmel nicht öffnen.” Nach diesen Worten schloss er das kleine Türfenster und ich war alleine mit meinen Gedanken, die mir stets ein mehr oder weniger treuer Begleiter waren. Wieso hatte ich nur das Paket abgelehnt? Diese Frage hörte nicht auf, mich zu quälen. Eine zufriedenstellende Antwort darauf gab es nicht.