
„Und Er erwählte Seinen Knecht David und nahm ihn von den Schafhürden weg. Als er den tragenden Schafen nachging, holte Er ihn, dass er Jakob weiden sollte, Sein Volk, und Israel, Sein Erbe. Und er weidete sie mit aller Treue seines Herzens und leitete sie mit weiser Hand“ (Ps. 72,70-72).
In GOTTES Geschichte haben Hirten schon immer eine große Rolle gespielt. Abel war ein Hirte, der ein besseres Opfer dargebracht hat als sein Bruder Kain. Abraham war ein Hirte, der zum Freund GOTTES wurde. Isaak und Jakob waren Hirten. Ihre Brüder hatten die Wüste und die Wildnis lieber als das ruhige und stille Leben eines Hirten. Kein Mensch, der abenteuerlustig und von aktionistischem Tatendrang getrieben ist, eignet sich zum Hirten. Das Leben eines Hirten ist meistens eintönig und langweilig. Sie hatten kein einfaches und bequemes Leben. Am Tag verschmachteten sie vor Hitze und in der Nacht vor Frost. An Schlaf war kaum zu denken (vgl. 1. Mo. 31,40). Hirten hatten ein hartes Leben. Wenn Christus als der gute Hirte bezeichnet wird, beschreibt das kein idyllisches Dasein, sondern eine beschwerliche und harte Aufgabe. Genau wie David ein Schafhirte war, der zum Hirten für das Volk Israel berufen wurde, ist auch Christus der Hirte, der sich um die Schafe Seines Volkes kümmert. David weidete sowohl die Schafe seines Vaters mit aller Treue seines Herzens als auch das Volk GOTTES. Er kämpfte gegen Bären und Löwen, um die Schafe seines Vaters zu beschützen. David und Christus leiteten und leiten ihre Schafe mit weiser Hand. Sie wissen genau, was ihre Schafe brauchen und was ihnen schadet. David war ein Hirte, der in große Sünde gefallen war. Christus ist ein Hirte, der ohne Sünde war, aber stellvertretend für uns zur Sünde gemacht wurde. Er baut Seine Herde und Gemeinde nicht durch Betrug, so wie es Jakob getan hatte. Christus ist kein listiger Hirte. Er züchtet auch keine Schafe, die besondere Merkmale haben müssen, wie es bei Jakob geschah. Jakob, der Betrüger, wollte seinen Schwiegervater hintergehen und durch List seine eigene Herde mit gesprenkelten, gefleckten und schwarzen Tieren vermehren (vgl. 1. Mo. 30,37-43). Er legte frisch geschälte Ruten von Pappeln, Mandel- und Platanenbäumen in die Tränken der schwangeren Schafe mit dem Ziel, gefleckte Lämmer auf die Welt zu bringen. Dabei achtete er sehr sorgfältig darauf, dass nur die starken und guten Schafe zur Vermehrung seiner Herde beitrugen. Jedes Mal, wenn die schwachen und kranken Schafe zur Tränke kamen, nahm er die Ruten aus den Tränken heraus, um in seiner eigenen Herde keine schwachen Schafe zu haben. Jakob wurde von seinem Schwiegervater immer und immer wieder betrogen. Er war ein betrogener Betrüger, der das Starke und Gesunde liebte und das Schwache und Kranke verachtete. Christus kam nicht für die starken Böcke und gesunden Schafe auf diese Welt. Er kam für das Törichte, das Schwache, das Unedle und das, was nichts ist, damit sich vor Ihm kein Fleisch rühmen kann (vgl. 1. Kor. 1,25-31). Christus erwählte nicht das Starke und Gesunde. Er hat ein Herz für das Schwache und Hilflose. Das Evangelium ist für die Starken und Reichen dieser Welt keine frohe Botschaft. Sie erkennen ihre eigene Hoffnungslosigkeit und Ausweglosigkeit nicht. Ein gesunder Mensch braucht keinen Arzt und ein Mensch, der sich für gesund hält, will keinen Arzt. Jeder Sünder braucht Christus als seinen Arzt und Erlöser, aber nur der Sünder, der sich als verlorenen Sünder erkennt, wird zu diesem Arzt kommen und Hilfe suchen. Wenn Menschen mit sich selbst zufrieden sind, erkennen sie im Evangelium keine rettende Botschaft. Die Erwählung durch GOTT ist Teil der Art der Botschaft. GOTTES Botschaft gilt für arme, schwache Sünder. GOTTES Erwählung gilt zuallererst den Schwachen und Hilflosen, was aber nicht bedeutet, dass die Starken dieser Welt automatisch von der Errettung ausgeschlossen sind. Reiche werden nur schwer in das Himmelreich eingehen, weil ihr Reichtum ihnen im Wege steht. Ein Reicher hat hier auf dieser Erde scheinbar viel zu verlieren, wenn er Christus nachfolgt. Ein Armer kann nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Eine Botschaft, die Trost und Hoffnung spendet und unseren Blick auf die Ewigkeit richtet, besitzt eine größere Anziehungskraft auf Menschen, die Trost, Hoffnung und eine neue Perspektive benötigen als auf die, die die besten Perspektiven und Aussichten in diesem Leben haben. Nur Menschen, die unter ihrer Schuld und Sünde leiden, wollen auch von dieser Schuld und Sünde befreit werden. GOTT sucht nach Seinen Schafen. Er nimmt sich ihrer an und Er sucht Seine Herde zusammen. Der gute Hirte errettet Seine Schafe aus allen Orten. Kein Weg ist Ihm zu weit und kein Ort zu abgelegen. GOTT sucht Seine Schafe, um sie an den Ort zurückzuführen, an den sie gehören. Er weidet sie auf einer guten Weide und auf einer grünen Aue. Kein Schaf in der Herde GOTTES wird Mangel leiden. Christus führt Seine Schafe zu stillen Wassern, an denen ihre Seelen erquickt werden. Er führt sie auf rechter Straße um Seines Namens willen. Würde Christus Seine Schafe auf falschen Wegen führen, würde Er Seinen eigenen Namen zuschanden machen. Selbst wenn wir durch das Tal der Todesschatten wandern, müssen wir kein Unglück fürchten, weil unser guter Hirte bei uns ist. Der Klang Seines Hirtenstabes tröstet uns und schenkt uns Geborgenheit. Auch wenn wir Ihn nicht sehen, dürfen wir wissen, dass Er da ist. Es gibt Zeiten, in denen das Schaf nichts vom guten Hirten sieht; Zeiten, in denen das Schaf vom guten Hirten enttäuscht wird. Viele Schafe sind desillusioniert und verzweifelt, weil sie sich den guten Hirten anders vorgestellt hatten. Sie meinten, dass Er sich in einer bestimmten Situation, zu einer bestimmten Zeit, auf eine bestimmte Art und Weise hätte verhalten müssen. Aber Er tat es nicht. Der gute Hirte verhielt sich nicht so, wie das Schaf es von einem guten Hirten erwartet hätte. Als Er der gute Hirte hätte sein sollen, war Er es nicht. Scheinbar nicht. Als Er hätte eingreifen müssen, tat Er es nicht. Manche Schafe warten bis heute vergebens auf ein Eingreifen des guten Hirten. Ihr Wunsch wird nicht erfüllt. Für sie ist der gute Hirte nur dann gut, wenn Er sie auf grünen Auen weidet und sie zu frischen Wassern führt. Er ist dann ein guter Hirte, wenn Er die Seele Seiner Schafe erquickt und sie auf rechter Straße führt. Was aber wenn die rechte Straße durch das Tal der Todesschatten führt? Jede rechte Straße führt irgendwann durch ein Tal der Todesschatten. Könnte der gute Hirte nicht einen Weg wählen, der nicht durch das Tal der Todesschatten hindurchführt? Könnte Er das Tal der Todesschatten nicht vermeiden und umgehen? Er kennt doch den richtigen Weg. Warum tut ein guter Hirte Seinen Schafen so etwas an? Manchmal liegt es an dem Schaf selbst, manchmal an Böcken und manchmal an Wölfen. Der gute Hirte bewahrt Seine Schafe nicht vor dem Tal der Todesschatten, aber Er bewahrt sie vor dem Tod. Der gute Hirte gab Sein Leben, um die Schafe vor dem ewigen Tod zu bewahren. Die Todesschatten sind nichts im Vergleich zum Tod. Jedes Leid hat den Beigeschmack des Todes und der Hölle, aber es ist nicht der Tod oder die Hölle. Leid ist nur ein Todesschatten. Leid ist nicht der Tod, sondern nur der Schatten des Todes. Die Hölle ist der Tod. Die Todesschatten sind nicht der Tod selbst, sondern nur ein Abbild davon.
Warum bereitet mir der gute Hirte einen Tisch im Angesicht meiner Feinde, wenn Er meine Feinde doch besiegen und beseitigen könnte? Warum gibt es Wölfe und Böcke in der Gemeinde? Der gute Hirte kennt doch den Unterschied zwischen einem Wolf und einem Schaf. Warum unternimmt Er nichts gegen die Wölfe oder die Böcke? Der gute Hirte hat Hirten in einer Gemeinde eingesetzt, die sich um die Böcke und Wölfe in einer Gemeinde kümmern müssen. Der gute Hirte hat Hilfshirten eingesetzt, die Ihn vertreten sollen. Wenn die Ältesten einer Gemeinde ihrer Aufgabe nicht nachkommen, ist nicht der gute Hirte schuld daran, sondern die Ältesten. Der gute Hirte ist immer für Seine Schafe da, auch wenn Älteste schlechte Hirten sind. Oft lässt der gute Hirte Wölfe in Schafspelzen umherwandeln, um die Schafe das Kämpfen zu lehren. Als das Volk Israel ins Land Kanaan gezogen waren, ließ der Herr einige der Feinde Israels im Land Kanaan übrigbleiben. Sie waren von Feinden umgeben, die sie eigentlich hätten ausrotten sollen. Hätten sie den Willen GOTTES erfüllt, dann hätten sie in Ruhe und Frieden leben können. Da sie sich aber nicht an den Willen GOTTES gehalten hatten, benutzte GOTT diese Feinde, um Sein Volk das Kämpfen und das Überwinden zu lehren (vgl. Ri. 3,1-2). Das Unkraut wird von GOTT erst am Ende ausgerissen. Die Spreu wird erst am Ende der Ernte vom Weizen getrennt. Würde der gute Hirte das Unkraut vor der Ernte ausreißen, würde Er den guten Samen mitausreißen (vgl. Mt. 13,24-30). Jeder Landwirt weiß, dass es töricht ist, Unkraut nicht auszureißen.
Er beschützt uns vor unseren Feinden und umgibt uns mit Güte und Gnade (vgl. Ps. 23). GOTT selbst will als Hirte bei Seinen Schafen sein. Er überlässt die Aufgabe des Weidens und des Hütens niemand anderem, auch wenn Er Älteste für eine Gemeinde beruft, durch die Er wirken und handeln möchte. Er sucht das Verlorene und holt das Verscheuchte zurück. Das Verwundete verbindet Er und das Schwache stärkt Er. Das Fette und das Starke vertilgt Er. GOTT will keine starken und großen Böcke, Er will kleine und schwache Schafe. Der gute Hirte ist ein gerechter Hirte. Er wird nicht zulassen, dass Widder und Ziegenböcke Seine Schafe unterdrücken, sondern Er wird Recht sprechen. Schwache Schafe werden von fetten Böcken mit ihren Hörnern weggetrieben, weggedrängt und weggestoßen, aber GOTT wird Seinen Schafen zu Hilfe kommen. Jesus Christus ist ein guter Hirte, der kein Blatt vor den Mund nimmt. Er spricht Missstände immer direkt an. Er legt den Finger immer in die offene Wunde. Das Volk GOTTES wurde in der Geschichte immer wieder verstreut und verschleppt. GOTT ließ Sein Volk aber nicht in der Zerstreuung, sondern suchte es immer wieder neu aus allen Völkern der Erde zusammen (vgl. Hes. 34,11 ff). Christus ist ein guter und treuer Hirte. Wenn die Bibel von Treue redet, redet sich nicht von Solidarität, sondern von Zuverlässigkeit. Die Diener, die GOTT als treu bezeichnet, sind in Seinen Augen Diener, auf die Er sich verlassen kann und Knechte, die in kleinen Dingen zuverlässig sind. Paulus spricht in seinem Brief an die Kolosser die Geschwister als die heiligen und treuen Brüder in Christus an (vgl. Kol. 1,2). Im Epheserbrief wird das gleiche Wort, das im Kolosserbrief mit treu übersetzt wird, mit dem Begriff „Gläubigen“ übersetzt (vgl. Eph. 1,1). Im Englischen sind die Worte Treue und Glaube auch sehr eng verwandt. Der Begriff treu oder Treue bedeutet in der Bibel nicht, dass wir zu GOTT halten oder dass GOTT zu uns hält. Wenn die Bibel sagt, dass GOTT treu ist, dann heißt das, dass GOTT glaubwürdig, wahrhaftig und zuverlässig ist. Die Treue GOTTES zeigt uns, dass Er niemals lügt. Er sagt immer die Wahrheit. Wir können uns auf die Verheißungen GOTTES verlassen, weil Er treu zu dem steht, was Er verheißen hat. GOTT steht zu sich selbst und zu dem, was Er gesagt hat. Der griechische Begriff „pistos“ wird als treu, zuverlässig, vertrauenswürdig und getreu übersetzt. Er kann auch bedeuten, dass jemand überzeugt, gläubig und vertrauensvoll ist. Im deutschen Sprachgebrauch wird der Begriff „Treue“ nur umgangssprachlich als ein Synonym für Solidarität verwendet. Ursprünglich hatte der Begriff die Bedeutung, dass jemand unerschütterlich, stark und gefestigt in seiner Gesinnung ist. Ein treuer Mensch ist jemand, der nicht betrügt, sondern aufrichtig und wahrhaftig ist. Christus ist ein zuverlässiger Hirte. Er verteidigt Seine Schafe nicht nur, sondern gibt sogar Sein Leben für Seine Schafe. Der Hirte wurde zum einmaligen Opferlamm. Er wurde nicht nur zu einem Schaf, sondern zu einem Lamm. Christus hat sich so sehr erniedrigt, dass er als Mensch eine noch niedrigere Stellung eingenommen hatte, als wir sie haben. Er, der Herrscher, wurde zum Knecht. Er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie wir (vgl. Phl. 2,7). Der gute Hirte wurde zu einem sanftmütigen Lamm. Wir, die wir als unschuldige Lämmer auf die Welt gekommen sind, wurden alle sehr schnell zu Böcken, die durch die in ihnen wohnende Sünde Schuld auf sich geladen haben. Jeder Mensch kommt als Sünder auf die Welt, aber jeder Mensch kommt auch unschuldig auf die Welt. Neugeborene Kinder haben noch keine Schuld auf sich geladen. Sie sind unschuldige Lämmer in den Augen GOTTES. Wir alle haben den Zustand der Unschuld sehr schnell von uns gestoßen, als wir zu Böcken wurden. Christus ist Sein ganzes Leben lang ein unschuldiges und makelloses Lamm geblieben. Er war ohne Sünde. In Ihm und an Ihm war gar keine Sünde. Der gute Hirte hat Sein Leben für uns gelassen, um uns neues Leben zu schenken. So wie der Vater den Sohn kennt und der Sohn den Vater kennt, so kennt der gute Hirte Seine Schafe. Christus hat mehrere Schafhürden. Er ist nicht nur für die Schafe in der Schafhürde des Volkes Israel gekommen, sondern für Schafhürden aus der ganzen Welt. Bereits hier kündigt der Herr an, dass Er nicht nur der gute Hirte für das Volk Israel, sondern auch für die Heiden ist. Der Gedanke, dass Heiden und Hebräer, die aus verschiedenen Schafhürden stammen, zu einer Herde mit einem Hirten gemacht werden, war revolutionär. Selbst nach der Himmelfahrt hatten die Jünger Jesu noch ein Problem mit der Erwählung der Heiden. Petrus konnte kaum fassen, dass die Heiden, die er sein ganzes Leben lang für unrein gehalten hatte, von GOTT genauso gereinigt wurden wie er selbst (vgl. Apg. 10). Die Erwählung des Volkes Israel hatte schon im alten Bund nicht automatisch die Verwerfung der Heiden zur Folge. Heiden konnten zum Judentum konvertieren und zu sogenannten Proselyten werden. Die Erwählung GOTTES schließt nicht aus. Es war die Aufgabe des Volkes GOTTES, ein Zeugnis für die Heidenvölker zu sein, damit auch diese sich zu GOTT bekehrten. Das Volk Israel kam seinem Auftrag aber nicht nach. Das, was die Schafe versäumt haben, hat der Hirte vollbracht. Da sich das Volk GOTTES der Heiden nicht angenommen hat, um sie zu GOTT zu führen, hat der Sohn GOTTES es selbst gemacht. Sie waren Mietlinge, die sich nicht um die Herde des guten Hirten gekümmert hatten. Die Obersten des Volks kannten die Herde GOTTES nicht. Sie kannten die Schafe nicht bei ihrem Namen und sie liebten die Schafe auch nicht. Die Pharisäer und Priester kannten die Schafe nicht, sie kannten den Hirten nicht und sie kannten den Vater des Hirten nicht. Hätten sie den Vater gekannt, hätten sie auch den guten Hirten erkannt und sich um die Schafe gekümmert. Sie waren nicht bereit, ihr Leben für die Schafe zu lassen, weil sie die Schafe nicht kannten und nicht liebten. Christus kennt Seine Schafe und Er ist Seinen Schafen bekannt. Er liebt sie und ist deshalb für sie gestorben. Der gute Hirte war aber kein Hirte, der der Endgültigkeit des Todes ausgeliefert war, sondern ein guter Hirte, der selbst im Angesicht des Todes bei Seinen Schafen sein kann, weil Er Sein eigenes Leben gegeben hat, um es wieder zu nehmen. Die Liebe des Vaters zum Sohn war stärker als die Macht des Todes. Der Vater hat Seinen Sohn nicht dem Tode überlassen, sondern Ihn auferweckt. Der Vater und der Sohn waren eine Einheit bei der Auferstehung des Sohnes. Christus ist von sich aus auferstanden und der Vater hat Ihn auferweckt (vgl. Röm. 6,4 & Eph. 1,20). Der Sohn hatte die Vollmacht, Sein Leben zu geben und Sein Leben wieder zu nehmen. Niemand konnte Christus dazu zwingen, Sein Leben zu geben. Er ging freiwillig in den Tod. Der gute Hirte hatte es nicht nötig, Sein Leben für die Schafe zu geben.