Der unbekannte Weg

Ich wollte schon immer eine Geschichte erzählen, die mich sehr bewegt hat. Diese Geschichte fand an irgendeinem Tag während irgendeinem Sommer statt. Es war ein traumhafter Abend. Ich ging abends durch eine Stadt und lief mal hierhin und mal dorthin. So wie man halt durch eine Stadt läuft. Manche Wege kennt man, andere nicht. Wenn man zum ersten Mal in einer Stadt ist, kennt man den Weg nur in den seltensten Fällen. Das ist aber in vielen Fällen kein größeres Problem. Man kann ja immer wieder umkehren oder woanders hin laufen. So ging ich nun durch die Stadt. Obwohl die Stadt mir sehr gut bekannt war, kannte ich den Weg nicht. Möglicherweise lag das auch daran, dass ich gar kein Ziel hatte. Viele meinen ja, dass der Weg das Ziel sei, aber woher will ich wissen, ob ich auf dem richtigen Weg bin, wenn ich das Ziel nicht kenne. Hätte ich vorher gewusst, dass ich ohne ein Ziel keinen wirklichen Weg habe, wäre ich wahrscheinlich gar nicht aufgebrochen. Dann könnte ich jetzt aber keine bewegende Geschichte erzählen.

Unterwegs in der Stadt begegnete ich verschiedenen Menschen. Viele davon kannte ich. Manche begrüßte ich und unterhielt mich kurz mit ihnen. Andere ignorierte ich. Wie man das als guter Bekannter eben so macht. Nachdem ich mich mit verschiedenen Personen unterhalten hatte oder auch nicht unterhalten hatte, ging ich weiter. Wobei ich zugeben muss, dass ich bei denjenigen, mit denen ich mich nicht unterhalten hatte, nicht wirklich weiterging, weil ich ja nie angehalten hatte. Zu behaupten, dass man weitergeht, wenn man sowieso schon geht, wäre eine übertriebene Darstellung dieses unbedeutenden Vorgangs.

Als ich auf meinem Weg, den ich nicht kannte, eine Kreuzung erreichte, ging ich in mich und fragte mich, welchen Weg ich wählen sollte. Da ich eine Abneigung gegen Veränderungen habe, entschied ich mich für den Weg geradeaus. Vielleicht lag es aber auch an meiner fehlenden Bereitschaft, Entscheidungen zu treffen. Irgendwie schaffte ich es, mir einzureden, dass der Weg geradeaus im Vergleich zu den anderen Optionen an der Kreuzung keine wirkliche Entscheidung war. Ich glaubte diesem Trugschluss und wäre jederzeit bereit, erneut darauf hereinzufallen.

Irgendwann landete ich in einer Sackgasse. Das Schild, das die Sackgasse subtil angekündigt hatte, hatte ich erfolgreich verdrängt, um nicht zu sagen versetzt (da ich mich nicht traute, das Schild in der Stadt, die ich kannte, zu versetzen, lief ich in die Nachbarstadt und kehrte danach zurück. Die Brücke, an der sich das Sackgassen-Schild nun befindet, wird mittlerweile möglicherweise weniger benutzt). Ich war der Ansicht, dass sich trotz dieser aussichtslosen Ankündigung ein Weg hinter dem Schild verbergen könnte. Warum auch immer behielt das Schild Recht. Ich war empört.

Da stand ich nun. Mitten in dieser Sackgasse. Erneut ging ich in mich und dachte mir: “Da steh’ ich nun.” Viel weiter kam ich gar nicht. Immerhin war ich in einer Sackgasse. Wieso diese Sackgasse mein Denken auf einen doch sehr kurzen Satz reduziert hatte, weiß ich nicht. Zumindest war ich ehrlich zu mir selbst. Ich stand ja wirklich. Wäre ich weitergegangen, dann wäre ich ja nicht stehengeblieben. Da ich aber nicht weiterging, war ich stehengeblieben. Im Nachhinein betrachtet war das ein doch sehr simpler Zusammenhang. Möglicherweise hing mein Stehenbleiben sogar mit dieser Sackgasse zusammen. Darüber hatte das Schild aber kein Wort verloren, daher war ich mir nicht ganz sicher. Nach reichlicher, aber wenig reiflicher Überlegung und sehr aufwändiger Abwägung meiner Optionen, entschied ich mich dazu, umzukehren. Dass umzukehren meine einzige wirkliche Option in dieser Sackgasse war, war mir gar nicht aufgefallen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich mich an keine andere Option während meines Abwägens in dieser Sackgasse erinnern kann. Was ich so reichlich in dieser Sackgasse überlegt hatte, weiß ich nicht mehr. Ich kehrte um und lief wieder nach Hause. Diesmal hatte ich ein Ziel. Tja, kaum zu glauben, aber so endete meine bewegende Geschichte.

Und die Moral von der Geschicht’: Auf krummen Wegen läuft man nicht.

Die Moral der Geschichte hat vielleicht nicht so viel mit der Geschichte selbst zu tun, weil ich ja meistens geradeaus gelaufen bin. Ich wollte aber vermeiden, dass die Sackgasse in der Moral der Geschichte erwähnt wird, da mir die Sache mit dem Schild doch sehr leid tut.

Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand; erkenne Ihn auf allen deinen Wegen, so wird Er deine Pfade ebnen. Sprüche 3:5-6