
„Diese Menschen geben mir echt zu denken.“
„Warum?“
„Weil sie ihre Begrenztheit auf alles übertragen, was sie nicht verstehen können. Sie kommen nicht einmal im Traum auf die Idee, dass ihre Begrenztheit vielleicht die Ursache dafür sein könnte, dass sie manche Dinge nicht verstehen können. Wie soll jemand, der begrenzt ist, Grenzenlosigkeit verstehen? Selbst wir Engel sind begrenzt und nehmen unsere Begrenztheit doch an. Menschen denken oft in Systemen, die sie klar voneinander trennen und unterscheiden wollen. Sie reduzieren die Realität gerne auf ein greifbares System, vergessen aber die Ganzheitlichkeit der Realität. Man kann mit einem System nicht alles Existierende beschreiben. Man muss sich immer auf einen Ausschnitt der Realität beschränken, um ein System beschreiben zu können. Systeme müssen immer klar definierte Systemgrenzen haben, um überhaupt beschrieben werden zu können. Sie sind immer beschränkt. Manche dieser Systeme nennen die Menschen Ideologien, andere Religionen oder Wissenschaft. Sie versuchen, selbst das Wesen Gottes zu vereinfachen, damit sie sich Gott erklären können. Sie denken in Boxen, auch wenn jeder von ihnen ein Denken in Boxen als kleingeistig bezeichnen würde. Für viele Menschen ist jede Eigenschaft Gottes wie eine kleine Box. Der Inhalt dieser Box ist aber durch die Grenzen der Box eingeschränkt. Genau wie jedes System Grenzen hat, die es braucht, um definiert werden zu können, meinen Menschen, dass Gottes Eigenschaften systematisch abgrenzbar seien. Dabei vergessen sie gerne die Wechselwirkung und Überlagerung der Eigenschaften Gottes. Die Wesenszüge Gottes sind nicht in klar abgrenzbare Boxen aufgeteilt. Sie sind mehr wie Wellen auf einem See, die sich über das Wasser ausdehnen und überlagern – Teil eines großen Ganzen und doch individuell und einzigartig. In ihrer ganz besonderen Eigenschaft verlieren sie doch nie die Ursprünglichkeit ihres Wesens. Wie sollte jemand, der unendlich und ewig ist, begrenzt sein? Unendlichkeit und Ewigkeit haben keine Grenzen. Es gibt keine Eigenschaft Gottes, die auf sich allein gestellt und losgelöst von den anderen Eigenschaften Gottes existieren könnte. Nehmen wir als Beispiel die Liebe und den Zorn Gottes. Menschen lieben sich selbst und erkennen oft nicht, dass ihr Zorn meistens auf etwas zurückzuführen ist, das sie lieben. Wenn Menschen zornig werden, dann weil man ihnen selbst oder anderen, die ihnen wichtig sind, Unrecht getan hat. Das zugrundeliegende Motiv von Zorn ist letztlich immer entweder Selbstliebe oder Liebe zu einer anderen Person oder Sache. Genauso ist der Zorn Gottes auf die Liebe Gottes zurückzuführen. Gott ist zornig, weil Er Liebe ist. Man kann den Zorn Gottes nicht von der Liebe Gottes trennen. Das verbindende Element zwischen den Eigenschaften Gottes ist die Liebe. Gott ist in sich selbst ganz, weil Er Liebe ist. Ihm fehlt nichts und niemand und Er braucht auch niemanden und nichts. Er hat alles, weil Er alles ist. Gottes Wesen und Wege reichen oft weit über das Erklärbare hinaus und offenbaren das Paradoxe und Geheimnisvolle an Gott, was diese Menschen gerne wegerklären möchten. Wenn Gott ein Ziel erreichen möchte, macht Er das auf eine menschlich undenkbare Art und Weise. Oft macht Er das genaue Gegenteil von dem, was Seinem Ziel und Zweck dienlich erscheint. Gott steckt voller Überraschungen. Seine Wege sind höher als unsere Wege. Er ist in einem gewissen Sinn unberechenbar, auch wenn Er immer basierend auf Seinen eigenen, heiligen Prinzipien handelt.
Wenn Er eine Nation vor dem Hungertod retten möchte, kann Er Neid, Verleumdung, jahrelanges Gefängnis und enttäuschte Hoffnungen gebrauchen, um einen Mann dort zu platzieren, wo Er ihn haben möchte. Wer hätte gedacht, dass der Weg zum Herrschen über die Sklaverei und die Gefangenschaft eines jungen Mannes geht? Wer im Himmel oder auf Erden hätte je damit gerechnet, dass Joseph irgendwann vom Gefangenen zum Stellvertreter des Pharaos wird?
Gott gebraucht oft einen Sturm, um Menschen zur Ruhe zu führen. Nicht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm entspricht den Ideen Gottes, sondern die Ruhe nach dem Sturm und im Sturm. Wie oft vergessen diese Menschen doch, dass Gottes Möglichkeiten und Ressourcen unerschöpflich sind. Sie meinen, dass, wenn sie keinen Ausweg sehen, es auch keinen Ausweg gibt. Ihre Endlichkeit lehrt sie keine Demut und kein Staunen über die Unendlichkeit Gottes, sondern Zweifel. Anstatt sich der Grenzenlosigkeit Gottes hinzugeben, geben sie Gott Grenzen. Wie kann man nur auf die Idee kommen, Gott einzugrenzen?“