
Plötzlich war der Berg verschwunden. Die Bäume, die bisher im Schatten des Berges gestanden hatten, fragten sich, wie so etwas geschehen konnte. Wie konnte dieser riesige Berg voller Sorgen und Probleme mit einem Mal im Meer versinken? Jahrelang hatte er ihnen den Blick auf die Sonne verdunkelt und verwehrt. Ihre Äste und Zweige waren schon ganz verkümmert und ihr einst grünes Blätter-Gewand hatte sich mehr und mehr gelichtet. Oft hatten sie über den Berg geklagt und auch die ein oder andere Träne im Schutze des dunklen Schattens vergossen. Nie hatte sich etwas geändert. Der Berg zeigte kein Erbarmen. Schonungslos wuchs und wuchs er in den Himmel empor, ganz so als ob er keine Grenzen und Einschränkungen hätte. Selbst ihr jämmerliches Flehen hatte den Berg nicht dazu bewegt, auch nur den kleinsten Sonnenstrahl durch seine undurchdringlichen Fels-Mauern hindurchzulassen. Hart und kalt reckte er sein lebloses Gestein immer weiter in den Himmel, bis das einst behagliche Zuhause der Bäume nur noch ein Abgrund am Fuße einer steilen und unüberwindbaren Felswand war.
Doch jetzt war alles anders. Der Berg war nicht mehr zu sehen. Viele der kleinen Bäume, die nie die Möglichkeit gehabt hatten, zu wachsen, konnten nun zum ersten Mal das Sonnenlicht sehen. Die alten Bäume trauten ihren Augen kaum. Sie hatten bereits vergessen gehabt, wie sich das Sonnenlicht anfühlte. Viel zu lange hatten sie in der Dunkelheit gelebt. Viel zu lange, um sich an das Licht und die Hoffnung zu erinnern. Sie hatten irgendwann aufgehört, den jungen Bäumen die alten Geschichten über das Licht und die Sonne zu erzählen. Ihr Blick war irgendwann nur noch auf den Berg gerichtet. Das Licht hatten sie vergessen. Doch jetzt war es wieder da, so als ob es nie weg gewesen wäre.
Das Gemurmel und Geraune unter den Bäumen wurde immer lauter. Was war passiert? Keiner konnte sich erklären, warum der Berg verschwunden war. Keiner wusste, wie der Riese besiegt worden war. Ganz unscheinbar hörte einer der alten Bäume ein stilles und von allen anderen unbeachtetes Flüstern: „Danke Vater, dass du mich erhört und diesen Berg ins Meer geworfen hast!“ Mehr hörte er nicht. Er versuchte, herauszufinden, wer derjenige war, der diese Worte gesprochen hatte, aber er konnte es nicht. Es hätte jeder der Bäume in seiner Nähe gewesen sein können. Da dieser unbekannte Baum aber kein weiteres Wort über den Berg verlor, blieb er in seinen Gedanken über das Gehörte allein. „Danke Vater, dass du mich erhört und diesen Berg ins Meer geworfen hast!“ Irgendetwas an dieser Formulierung kam ihm bekannt vor. Nur wusste er nicht was. Er hatte so etwas ähnliches schon einmal gehört. Plötzlich fiel es ihm wieder ein. Er hatte ein Gebet gehört. Früher hatten die Bäume oft zusammen gebetet. Als der Berg dann aber irgendwann auftauchte, hatten sie ihren betenden Blick vom Licht abgewendet und auf den Berg gerichtet. Sie hatten damals viel darüber diskutiert, was zu tun sei und wie man diesen Berg wieder loswerden könnte. Nichts hatte aber geholfen. Alle ihre Versuche, gegen den Berg vorzugehen, waren kläglich gescheitert. Der Berg nahm ihr Reich und ihr Zuhause ein und beanspruchte es für sich selbst. Sie standen von da an nur noch in seinem Schatten. Er hatte ihnen nicht nur ihr friedliches Zuhause genommen, sondern auch das Licht der Sonne und die Wärme der Sonnenstrahlen. Endlich waren sie nun wieder frei von den Fesseln des Berges. Keiner der anderen Bäume wusste, wieso der Berg im Meer versunken war. Außer ihm.
Er wusste, dass dieses großartige Wunder einem unbekannten Baum zu verdanken war, der mutig genug gewesen war, zu glauben und zu beten.
Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Habt Glauben an Gott! Denn wahrlich, ich sage euch: Wenn jemand zu diesem Berg spricht: Hebe dich und wirf dich ins Meer!, und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass das, was er sagt, geschieht, so wird ihm zuteilwerden, was immer er sagt. Darum sage ich euch: Alles, was ihr auch immer im Gebet erbittet, glaubt, dass ihr es empfangt, so wird es euch zuteilwerden!
Markus 11,22-24