Liebe im Leid

Nachdenklich setzte sich der kleine Vogel auf einen Ast. Er konnte nicht in das freudige Wiedersehen der anderen Vögel einstimmen. Viel zu viel hatte er auf seiner langen Reise erlebt und gesehen. Um vor dem kalten und langen Winter zu fliehen, waren er und seine Familie in den Süden geflogen. Monatelang waren sie von ihrer Heimat getrennt gewesen. Nun waren sie wieder zu Hause und alle außer ihm freuten sich. Grübelnd saß er auf seinem Ast, weil er nicht einordnen konnte, was er alles gesehen hatte.

Er hatte die schönsten Orte auf dieser Welt gesehen. Über große und wunderschöne Städte war er geflogen. Er durfte die Schönheit der Natur auf so viele unterschiedliche Arten und Weisen bestaunen. Atemberaubende Berge und Täler, traumhafte Strände und Seen und den unendlich weiten Ozean. Erst konnte er sein Glück kaum fassen, bis er sah, was er bisher übersehen hatte. Kriege, Hungersnöte und Naturkatastrophen, die die schönsten Orte auf der Welt völlig entstellten, prägten nun die Erinnerung an seine Reise.

„Wie konnte es sein, dass Freude und Leid so nah beieinander lagen? Wieso konnten Schönheit und Schrecken einfach so nebeneinander existieren? Warum konnte es an einem Ort so viel Gutes geben und an einem anderen Ort so viel Schlechtes? Warum gab es Schmerz, wenn es gleichzeitig auch Glück gab?“ fragte er sich fest an seinen Ast geklammert.

Ein anderer Vogel setzte sich fast schon unbemerkt auf einen Ast neben den kleinen Vogel. Er hatte seinen Artgenossen gar nicht kommen hören, weil er so in seinen Gedanken und Überlegungen gefesselt war.

„Was bedrückt dich?“, hörte der kleine Vogel plötzlich als Frage an ihn gerichtet.

Aufgeschrocken und verdutzt antwortete der kleine Vogel: „Mich bedrückt nichts.“

„Dafür siehst du aber ganz schön bedrückt aus.“

„Naja, ich habe mich nach unserer langen Reise gefragt, wieso es gleichzeitig so viel Leid und so viel Freude auf dieser Erde gibt. Wieso können Schmerz und Schönheit so nah nebeneinander existieren?“

„Hm. Gute Frage. Was denkst du, ist das Schönste auf der Welt?“

„Naja, vermutlich ist Liebe das Schönste auf der Welt.“

„Und was ist das Schmerzhafteste auf der Welt?“

„Das weiß ich nicht.“

„Liebe ist das Schmerzhafteste auf der Welt.“

„Moment mal! Wie kann Liebe gleichzeitig das Schönste und das Schmerzhafteste auf der Welt sein?“

„Weil Leiden und Schmerzen viel schlimmer sind, wenn man nicht nur selbst davon betroffen ist, sondern wenn Personen, die man liebt, davon betroffen sind. Das Leid eines Kindes schmerzt die Eltern viel mehr als ihr eigenes Leid. Leid ist eine unabänderliche Tatsache und ein Bestandteil des Lebens. Durch Liebe kann Leid seinen schmerzhaften Stachel verlieren. Gleichzeitig kann der Schmerz durch Liebe aber auch viel größer werden. Katastrophen jeglicher Art können Menschen entweder zusammenschweißen oder voneinander trennen. Den Unterschied macht meistens die Liebe.“

„Und warum tun Menschen einander so schreckliche Dinge an, wenn sie einander doch lieben könnten?“

„Weil Liebe und Hass sehr eng miteinander verbunden sind. Sie können sogar im Herzen eines Menschen gleichzeitig existieren oder ineinander umschwenken. Hass auf andere Menschen ist meistens auf Selbstsucht oder fehlende Vergebungsbereitschaft zurückzuführen. Wenn Menschen einander Unrecht antun, dann fangen sie oft an, einander zu hassen. Die Spirale des Hasses nimmt dann ihren Lauf. Oft sind weitere Eskalationen dann unvermeidbar. Dieser Teufelskreis des Hasses kann nur durch Liebe durchbrochen werden. Hass kann nur durch Liebe und Vergebungsbereitschaft überwunden werden.
Neben der Liebe und dem Hass gibt es aber auch noch die Gleichgültigkeit. Sie steht zwischen der Liebe und dem Hass, ist aber keineswegs neutral. Wer seine Mitmenschen nicht liebt, ist ihnen gegenüber entweder gleichgültig oder hat eine starke Abneigung gegen sie. Die meisten Menschen, die nicht direkt von bösem zwischenmenschlichem Verhalten betroffen sind, interessieren sich nicht wirklich für dieses Verhalten. Solange es sie nicht selbst betrifft, ist es ihnen egal. Erst wenn Hass einen Menschen persönlich trifft, wird seine Gleichgültigkeit zu einem Drang nach Gerechtigkeit. Dieser Drang nach Gerechtigkeit wird durch Hass oft zu Rache. Und Rache produziert nur noch mehr Hass. Leider gewinnt der Hass meistens gegen die Liebe. Hass ist ein Selbstläufer. Man muss nicht wirklich viel dazu beitragen, um Hass zu schüren. Er ernährt und verbreitet sich von selbst. Für Liebe muss man sich aktiv und bewusst entscheiden. Durch Liebe muss das Geschwür des Hasses erst bekämpft werden, damit er sich nicht weiter ausbreitet. Aber auch dieser Prozess der Vergebung kann sehr schmerzhaft sein. Liebe ist das Schönste und das Schmerzhafteste auf dieser Welt zugleich. Viele Menschen leiden, weil sie lieben und auch weil sie nicht lieben. Wenn die Menschen aufhören würden, einander lieblose und schreckliche Dinge anzutun, könnten ihnen viele Schmerzen erspart bleiben. Das, was Menschen am meisten brauchen, wenn sie leiden, ist jemand, der ihnen zuhört – selbst dann, wenn sie noch nicht bereit sind, zu reden. Liebe hört auch die unausgesprochenen Worte und sieht den verborgenen Schmerz. Liebe drängt sich einer anderen Person auch nicht auf. Sie ist geduldig, wenn die andere Person ihre Gedanken und ihren Schmerz noch nicht richtig in Worte fassen kann. Durch Zuhören kann man Menschen das Gefühl vermitteln, dass sie sicher und geborgen sind. Menschen wollen verstanden und wahrgenommen werden. Menschen wollen geliebt werden. Gott sei Dank gibt es jemanden, der jeden Menschen versteht und mit jedem Menschen mitleidet, weil Er selbst gelitten hat.“

Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben, der den ganzen Himmel bis hin zum Thron Gottes durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes –, wollen wir entschlossen an unserem Bekenntnis zu ihm festhalten. Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er ohne Sünde blieb. Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.
Hebräer 4,14-16