Der kleine Fluss

Der kleine Fluss schlängelte sich durch das tiefe Tal, bis er am Ende des Tales vor einem großen Berg angekommen war. Er versuchte, einen Weg um den Berg herum zu finden, aber der Berg war zu groß. Er verschloss das ganze Tal wie in einer Sackgasse. Es war unmöglich, diesen Berg zu umgehen. Er hatte keine andere Wahl, als sich am Fuße des Berges niederzulassen. Irgendwann wurde aus dem kleinen Fluss ein kleiner See, der immer größer, tiefer und weiter wurde. Das Tal füllte sich mehr und mehr mit dem Wasser des kleinen Flusses. Die Regenströme und Sturzfluten während der Unwetter machten aus dem kleinen Fluss einen reißenden Strom, der immer stärker wurde. Trotzdem schaffte es der Fluss nicht, an dem Berg vorbeizufließen. Der Berg war zu einem Staudamm geworden, der riesige Wassermassen vor sich hatte. Er war wie eine verschlossene Tür am Ende eines großen Raumes, die nicht geöffnet werden konnte. Doch der Fluss gab nicht auf. Keine verschlossene Tür und kein großer Berg konnten ihn in seinem Glauben erschüttern, dass es einen Weg um diesen Berg herum geben würde. Irgendwann würden seine Gebete erhört werden. Hieß es nicht, dass es nötig ist, allezeit zu beten und nicht nachlässig zu werden? Er vertraute darauf, dass Gebet Berge versetzen kann, aber der Berg wurde nicht versetzt. Oft erinnerte er sich an Geschichten, in denen ein Berg plötzlich verschwand, aber sein Berg blieb. Wieso wurde sein Berg, der ihm den Weg versperrte, nicht im Meer versenkt wie so viele andere Berge? Gab es nicht eine Verheißung, die versprach, dass Berge durch Gebet wie ein kleiner Stein ins Meer geworfen werden können? Diese Fragen bewegten ihn, während er weiter talabwärts floss und der See am Fuße des Berges immer größer wurde.

Was der Fluss nicht merkte, war, dass der Gipfel des Berges immer näher kam. Es schien fast so, als ob der Berg Stück für Stück kleiner wurde. Hatten seine Gebete den Berg schrumpfen lassen? Hatte er ein Wunder erlebt, ohne es zu merken? Eines Tages war es endlich so weit. Der Fluss floss nicht an dem Berg vorbei. Der Berg war auch nicht kleiner geworden. Es war der Fluss und der See, die über die Jahre tiefer geworden waren als der Berg hoch war. Die Wassermassen vor dem Berg waren inzwischen so gewaltig, dass sie den Berg einfach verschlangen und über ihn hinweg flossen. Sie hatten sich keinen Weg um den Berg herum gebahnt. Sie waren einfach über den Berg hinausgewachsen.
Der kleine Fluss hatte auf ein Wunder gehofft, bemerkte aber nicht, dass er selbst zu einem Wunder und zu einem Überwinder geworden war. Aus dem kleinen Fluss war ein Berge-Versenker geworden. Er hatte den Berg überwunden. Seine Gebete wurden erhört. Sie hatten den Berg nicht versetzt oder verkleinert. Seine Gebete hatten aus einem kleinen Fluss einen tiefen Strom gemacht, in dem der Berg versenkt werden konnte.