Der richtige Weg

Ich stand an dieser Weggabelung und wusste nicht weiter. Der Weg vor mir war noch sehr weit. Das wusste ich. Wohin ich aber gehen sollte, war mir ein Rätsel. Wie sollte ich herausfinden, welcher Weg der richtige ist?

„Was mache ich jetzt? Wie geht’s jetzt weiter?“, flüsterte ich vor mich hin.

„Dummkopf! Du musst einfach loslaufen. Ist doch völlig egal, in welche Richtung du läufst. Hauptsache du bist in Bewegung und aktiv. Eigeninitiative und Pro-Aktivität sind die Lösung der meisten Probleme. Wenn du nicht weiterweißt, dann mache einfach das, was dir als nächstes einfällt. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott. Das ist die Devise, an die man sich halten muss. Mach das Ganze nicht zu kompliziert, sonst endest du noch wie dieser Esel da.“

„Ich bin kein Esel!“

Erstaunt blickte ich um mich, um den Ursprung dieser Stimmen ausfindig zu machen. Neben der Weggabelung sah ich ein Gehege. In dem Gehege waren ein Pferd und ein Maultier. Ich wusste gar nicht, dass Pferde und Maultiere sprechen konnten.

Selbstsicher antwortete das Pferd: „Ganz richtig! Du bist kein Esel. Zumindest kein ganzer Esel. Aber wen interessiert’s.“

„Besser ein halber Esel als ein ganzes Pferd. Wirklich beeindruckend, wie du immer über diese Weide galoppierst. Ohne jeglichen Grund herumzurennen wie ein Irrer, passt sehr gut zu dir“, erwiderte der halbe Esel und das ganze Maultier. „Außerdem bist du hier der Esel bei dem ganzen Blödsinn, den du hier erzählst. Von wegen Eigeninitiative und Pro-Aktivität. Meine Entscheidungen machen doch sowieso keinen Unterschied. Wen interessiert es also, welche Entscheidung ich treffe? Letztlich kommt doch sowieso alles so, wie es kommen muss. Wieso sollte ich mir die Mühe machen, Verantwortung für meine Entscheidungen zu übernehmen, wenn meine Entscheidungen doch nur dazu dienen, den sowieso schon festgelegten Weg zu beschreiten? Ganz egal, wofür ich mich entscheide, die Entscheidung und der Weg sind doch sowieso schon im Voraus nicht nur bekannt, sondern festgelegt. Also warum sollte ich laufen, wenn ich auch einfach stehen bleiben und das Unabwendbare geschehen lassen kann?“

„Schwachsinn!“ Zu Tode erschrocken sprangen das Pferd und das Maultier zur Seite. Eine Schlange hatte sich in das Gespräch eingemischt. „Den Weg beschreiten oder nicht beschreiten, ist der völlig falsche Ansatz. Das Beste für uns selbst ist, den vermeintlich richtigen Weg zu vermeiden und einen anderen Weg zu gehen. Wieso sollte ich den Rat Gottes suchen und der Stimme Gottes gehorchen? Wieso sollte ich den Willen Gottes überhaupt tun wollen? Ich kann mich Gott auch einfach widersetzen und mein eigener Herr sein.“
Nach diesen Worten schlug ich die Schlange tot, weil ich Angst davor hatte, dass sie mich beißen könnte. Diese Entscheidung war mir wirklich nicht schwer gefallen.

Als ob das Gespräch nicht schon kompliziert genug gewesen sei, wollte jetzt auch noch ein Fuchs seine Weisheit mit mir teilen. Er hatte gesehen, dass ich die Schlange erschlagen und ihm dadurch die Arbeit für sein Abendessen abgenommen hatte. Vermutlich wollte er mich durch ein vorgetäuschtes Interesse an meiner Entscheidung davon überzeugen, die Schlange ihm zu überlassen. Dabei hatte ich gar kein weiteres Interesse an der toten Schlange. Wie auch immer. Der Fuchs ließ folgende Verlautbarung kundwerden: „Wenn du den richtigen Weg nicht kennst, musst du einfach egal welchen Weg zum richtigen Weg machen. Es ist nicht entscheidend, für welchen Weg du dich entscheidest. Man kann fast jede Prophezeiung zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung machen. Wieso auf irgendein Zeichen warten? Zeichen kann man selbst zeichnen. Krumm kann gerade gemacht werden, indem man fünf gerade sein lässt. Man sollte das alles nicht so genau nehmen. Auch ein falscher Weg kann zu einem richtigen Weg werden, wenn man die Falschheit ignoriert.“ Mit diesen Worten schnappte er sich die Schlange und war auf und davon. Vermutlich dachte er, dass er mich ausgetrickst hätte. Ich war aber ganz froh, dass ich weder ihn noch die Schlange je wieder sehen musste.

Plötzlich hörte ich ein leises Zwitschern. Es war ein kleiner Sperling, der unsere Unterhaltung mitverfolgt hatte.
„Hör nicht auf die vier. Du solltest besser nicht so sein, wie das stolze Pferd oder das störrische Maultier. Stolze Pferde rennen Gott voraus. Störrische Maultiere bleiben einfach stehen, obwohl Gott will, dass sie weiterlaufen. Die Schlange ist ungehorsam, verlogen und toxisch. Und der Fuchs ist einfach nur manipulativ und narzisstisch. So willst du nicht sein.
Bei deiner Frage zur richtigen Entscheidung und zum richtigen Weg, habt ihr den wichtigsten Punkt bisher außen vor gelassen. Es geht nicht zuallererst um eine Entscheidung oder einen Weg. Es geht um Vertrauen und Beziehung. Gottes Ziel ist nicht, dass wir auf irgendeine Weise herausfinden, was die richtige Entscheidung ist. Sein Ziel ist, dass wir den Weg zu der Entscheidung mit Ihm gemeinsam gehen. Auch die Entscheidung selbst ist ein Weg, den wir gehen müssen. Gott begleitet uns in dem gesamten Entscheidungsprozess. Ihm ist der gesamte Prozess viel wichtiger als das Resultat der getroffenen Entscheidung. Oft denken wir, dass Gott am Ziel der getroffenen Entscheidung auf uns wartet und wir den Weg bis zu dieser getroffenen Entscheidung selbst finden müssen. Das stimmt aber nicht. Gott wartet nicht am Ziel auf uns. Er ist der Weg zum Ziel. Und Er begleitet uns auf dem Weg zum Ziel. Gott begleitet uns nicht nur auf unserem Lebensweg, sondern auch in unseren Entscheidungen. Er will Teil dieser Entscheidungen sein. Und letztlich sollte Er auch das Ziel sein.
Viele meinen, dass man einfach machen solle, was man selbst für richtig hält, weil Gott uns schon davon abhalten würde, wenn wir in der Gefahr stünden, uns auf falsche Wege zu begeben. Und andere meinen, dass man erst auf ein Zeichen von Gott warten müsse, damit man Gottes Willen erkennen könne. Beide Extreme vernachlässigen die Bedeutung der Beziehung zu Gott, wenn es um den Willen Gottes geht. Die einen handeln und entscheiden, ohne nach Gottes Willen zu fragen und die anderen handeln und entscheiden nur, wenn sie ein Zeichen gesehen haben. Beide Extreme vernachlässigen die Wichtigkeit des Glaubens und der Nachfolge. Gott offenbart Seinen Willen. Die Voraussetzung dafür, dass Er Seinen Willen offenbart, ist aber eine Beziehung zu Ihm, die durch vertrauensvollen Glauben und gehorsame Nachfolge gekennzeichnet ist. Wenn wir Gottes Willen erkennen wollen, müssen wir erstmal Seinen bereits offenbarten Willen tun. Wir können nicht ein gottloses Leben leben und dann erwarten, dass Gott uns jedes Mal zur Seite springt, wenn wir Ihn bei irgendeiner Entscheidung brauchen. Gleichzeitig können wir uns das Reden Gottes aber auch nicht verdienen. Wir alle brauchen täglich die Vergebung und die Gnade Gottes. Wenn Gott sich uns offenbart und zu uns redet, dann ist das immer Gnade. Gottes Wille ist, dass wir durch den Entscheidungsprozess Jesus ähnlicher werden und in der ständigen Abhängigkeit von Gott leben und entscheiden. Wer durch den Blick Gottes geleitet werden will, muss Blickkontakt zu Gott halten. Um zu wissen, was Gott will, müssen wir Ihn sehr genau kennen. Wenn wir Gott nicht kennen, können wir auch nicht wissen, was Er von uns will.
Gott offenbart Seinen Willen immer nur stückweise. Wir werden nie den ganzen Plan Gottes kennen. Wir müssen jeden Schritt im Vertrauen auf Gott gehen und durch jede Tür einzeln nacheinander eintreten. Welcher Schritt als nächstes kommt, zeigt Gott uns erst dann, wenn der nächste Schritt gemacht werden muss. Er wird uns den übernächsten Schritt oder die übernächste Tür nicht zeigen. Gott löst diese Ungewissheit und diese Spannung nicht auf. Auch wenn wir oft den nächsten Schritt noch nicht einmal erahnen können, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott nicht nur den nächsten Schritt, sondern den ganzen Weg kennt. Er erwartet von uns, dass wir Ihm vertrauen, dass Er den ganzen Weg schon kennt und uns nicht alleine lassen wird. Gott erwartet, dass wir uns von Ihm abhängig machen. Gott zeigt uns nicht, was morgen alles passieren wird, aber Er wird uns heute führen und leiten, wenn wir Ihn lassen.
Gott zeigt uns die richtige Wahl, aber wir müssen trotzdem selbst wählen. Wenn mehrere Wege und Türen uns zur Auswahl stehen, zeigt Gott uns, welches der richtige Weg und welches die richtige Tür ist, aber wir müssen selbst entscheiden, ob wir auch diesen Weg gehen und durch diese Tür eintreten. Wir sollten versuchen, durch die geöffneten Türen Gottes einzutreten und nicht verschlossene Türen einzutreten. Manchmal ist eine Tür auch für eine gewisse Zeit verschlossen und wird sich irgendwann öffnen. Manche Entscheidungen können wir erst nach einer gewissen Wartezeit treffen, weil die Entscheidung noch nicht reif und der Weg nach der Entscheidung noch nicht geebnet ist.
Gott weist uns den Weg, den wir wählen sollen, nicht den Weg, den wir wählen müssen. Wir können auch einen anderen Weg gehen. Er nimmt uns die Verantwortung für unsere Entscheidungen nicht ab. Eine einmal richtig getroffene Entscheidung macht nicht automatisch jede Folgeentscheidung auch richtig. Es wird auf deinem Weg noch viele weitere Entscheidungen geben. Es wird viele Möglichkeiten geben, falsch abzubiegen. Deshalb ist es ja so wichtig, in einer beständigen und engen Beziehung zu Gott zu leben. Ich hoffe für dich, dass du das erleben darfst und nicht von den Sorgen um eine noch nicht getroffene Entscheidung aufgefressen wirst.“
Mit diesen Worten flog der Sperling davon. Seine Worte hatten mich zum Nachdenken gebracht. Ich hatte erkannt, dass ich so sehr um den vor mir liegenden Weg und die anstehenden Entscheidungen besorgt war, dass ich meine Beziehung zu Gott vernachlässigt hatte. Gott wollte heute für mich sorgen und das durfte ich auch in der vor mir liegenden Entscheidung erleben.