Die alte Eiche

Die alte Eiche war im ganzen Wald bekannt. Jeder wusste, dass sie das Sagen hatte. Kein Baum wagte es, ihre Machtstellung anzuzweifeln. Jeder ordnete sich ihr unter und führte gehorsam ihre Befehle aus. Die meisten Bäume im Wald waren dankbar, dass die alte Eiche sich so gut um den Wald kümmerte und dafür sorgte, dass Recht und Ordnung herrschten. Sie versprach den anderen Bäumen Sicherheit und Orientierung in ungewissen Zeiten. Manche Bäume hielten nicht viel von den autoritären Strukturen des Waldes. Ihre Kritik und ihre Auflehnung wurden aber weitestgehend als rebellisch und aufrührerisch abgetan. Den Bäumen ging es gut. Sie hatten, was sie brauchten, weil die alte Eiche dafür gesorgt hatte. Sie war der erste Baum des Waldes. Die alte Eiche war der Stolz des Waldes. Durch sie wurde das Imperium des Waldes gebaut und bevölkert. Ihr unermüdlicher Einsatz und ihr außergewöhnliches Engagement hatten Früchte gebracht. Täglich kamen mehr und mehr Bäume zum Wald hinzu. Die alte Eiche untermauerte ihre Autorität durch Freundlichkeit und Charisma. Niemand konnte ihr nachsagen, dass sie ihre Verantwortung nicht wahrnehmen würde und doch war sie manchmal verletzend. Sie scharte die Bäume um sich, die bewundernd zu ihr aufblickten. Diejenigen, die selbst schon groß genug waren, um Verantwortung und Autorität zu übernehmen, ließ sie besonders häufig zurechtstutzen. Sie duldete niemanden neben sich. Manche Bäume erkannten ihren Narzissmus, trauten sich aber nicht, etwas dagegen zu unternehmen. Andere sahen in ihr keinen einzigen Fehler und empfanden Kritik an der alten Eiche als persönliche Verletzung.

Was keiner wusste war, dass die alte Eiche schon seit Jahren innerlich verfaulte. Das Geschwür des Hochmuts hatte sich tief in ihr Gewebe eingefressen und zog seine Kreise. Nach außen konnte sie noch jahrelang ihren Schein der Stärke aufrechterhalten. Eines Tages kam aber ein großer Sturm auf. Alle Bäume des Waldes schauten auf die Eiche, um von ihr Sicherheit und Geborgenheit zu empfangen. Doch die alte Eiche hatte durch die jahrelange innerliche Fäulnis ihre einstige Kraft verloren. Sie konnte dem gewaltigen Sturm nicht standhalten. Der Sturz der Eiche war gewaltig. Man hörte ihren Aufprall bis weit über die Waldgrenzen hinaus. Der ganze Wald wurde durch den Fall der Eiche erschüttert. Durch den Sturz der Eiche wurden die Bäume, die sich in ihrer unmittelbaren Umgebung befanden und ihre treuen Begleiter waren, mit in das Verderben gerissen. Völlig fassungslos standen die Bäume da und konnten kaum glauben, was geschehen war. Als der Sturm nachließ, war nichts mehr übrig von der einstigen Pracht des Waldes. Nach und nach löste sich der Wald auf. Einige Bäume gründeten einen neuen Wald, andere schlossen sich einem anderen Wald an. Nichts blieb nach dem Einsturz der alten Eiche wie es war. Der Stolz des Waldes war zum Zusammenbruch des Waldes geworden.

Sprüche 16,18: Stolz kommt vor dem Zusammenbruch und Hochmut kommt vor dem Fall.